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Blog zu Wirtschafts- und Finanzthemen
Updated: 34 min ago

Ansteckendes Griechenland?

Mon, 01/30/2012 - 14:47

von Gisela Baur (finanzjournalisten.de)

So gut wie jeder Beitrag zu Griechenland und dem Euro endet mit dem warnenden Hinweis, dass ein Ausschluss des Landes aus dem Euro eine Ansteckungsgefahr für alle anderen angeschlagenen Euro-Länder beinhaltet - und der Zusammenbruch des ganzen Wirtschaftsraums dann nicht mehr zu verhindern ist. Aber würden die Finanzmärkte eine Pleite Griechenlands eins zu eins auf Spanien, Portugal oder Italien übertragen - und seit der Ratingsherabstufung vielleicht sogar auf Frankreich oder Österreich?

Das ist möglich, wäre aber vollkommen unangebracht. Denn dann vergleicht  man Äpfel und Birnen. Griechenland ist und bleibt ein Fremdkörper in der Euro-Zone. Nicht nur weil die Schulden besonders hoch sind, sondern vor allem, weil die Strukturen in dem Land alles andere als die eines modernen Industrielandes sind. Anders als in Italien, Irland oder Spanien haben die Sparpakete kaum Aussicht auf Erfolg, sondern verschlechtern die Lage eher.

Das liegt zum einen an der Grundhaltung. Griechenland ist mit einer Lüge in die Eurozone gekommen. Das Budgetdefizit wurde damals wider besseres Wissen und Gewissen herunter "geschätzt". Und genau so hat es einen Teil der Hilfeleistungen bekommen. Privatisierungserlöse von 50 Milliarden Euro werde es erwirtschaften, verkündete das Land. Nun ist klar, auch das war einfach "geschätzt".

Zum anderen hat die Lässigkeit bei großen Summen einen anderen noch schwerwiegenderen Grund. Griechenlands Verwaltung ist derartig ineffizient, dass es furchtbar einfach ist, Zahlen zu manipulieren, schlimmer noch manchmal unmöglich ist, sie zu erfassen. Und am schlimmsten: Gezielte Interventionen des Staates in die Abläufe der Wirtschaft, die jetzt der einzige Weg für eine Sanierung sind, sind mit diesen Strukturen nicht zu machen. Statt Licht am Ende des Horizonts sehen die Griechen nach fast zwei Jahren Sparmaßnahmen noch immer nur eines: Den Abgrund.

Ein klarer Fall für einen "Haushaltsbeauftragten" der EU, den einige europäische Politiker nun fordern? Das wird nicht reichen. Griechenland ist eher ein klarer Fall für ein umfassendes Sanierungsteam, das wie gute Unternehmensberater die Strukturen der staatlichen Verwaltung analysiert und verbessert. Mit gutem Recht wehren sich die Griechen gegen einen solch umfassenden Eingriff in ihre Souveränität - müssen dann aber damit rechnen, dass die Euro-Länder keine weiteren Milliarden mehr bereitstellen wollen. In der Hoffnung, dass die Finanzmärkte wissen, dass Griechenland eben ein Sonderfall ist. 

Privatanleger besonnener als Profis

Fri, 01/27/2012 - 10:07

von Brigitte Watermann (biallo.de)

Die Profis überboten sich bekanntlich im vergangenen halben Jahr mit düsteren Prognosen zu Euro, Wirtschaftsentwicklung und Börsen. Doch der befürchtete Gau ist bislang nicht eingetreten. Privatanleger haben dagegen offenbar beherzt darauf gesetzt, dass uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Es sieht ganz so aus, als könnten sie richtig liegen.

Die wie die neueste Erhebung des Deutschen Aktieninstitut zur Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland zeigt, hat sich die Gesamtzahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen in Deutschland zuletzt im zweiten Halbjahr 2011 um rund 4,1 Prozent oder 356.000 „bemerkenswert“ erhöht“, wie die Autoren schreiben. Insgesamt waren damit 8,7 Millionen Anleger direkt oder indirekt in Aktien investiert – das sind etwa 13,4 Prozent der Bevölkerung. Interessant ist, dass die Zahl der Anleger, die direkt in Einzelaktien investiert sind, sogar den höchsten Stand der vergangenen fünf Jahre erreicht hat. Das DAI wertet das als „gutes Zeichen für die Stabilisierung der Aktienakzeptanz“.  Allerdings ist Deutschland von den Höchstständen früherer Jahre noch weit entfernt. 2001 – das Jahr, in dem der Börsenboom zu Ende ging –waren 4,2 Millionen Deutsche mehr in Aktien investiert.

Offenbar haben sich insbesondere die Privatanleger nicht schrecken lassen von der Kursentwicklung. Zur Jahresmitte 2011 hatte der Dax noch bei über 7.750 Punkten gestanden, stürzte dann aber regelrecht ab auf nur noch 5.072 Punkte im Juli, seither schaffte er es nicht über die Marke von 6.350 Punkten hinaus. Die niedrigen Kurse haben offenbar viele Privatanleger und insbesondere viele Direktanleger in Aktien zum Einstieg motiviert. Von den Kassandrarufen der Börsenexperten ließen sie sich offenbar nicht schrecken.

Den gleichen Trend belegt auch eine Untersuchung der DWP-Bank, eine der führenden deutschen Wertpapierabwicklungsbanken. Sie hat dafür fünf Millionen Privatanlegerdepots ausgewertet.

Demnach haben Privatanleger das schwache Aktienjahr 2011, in dem der Deutsche Aktienindex (Dax) rund 15 Prozent an Wert verloren hat, überwiegend zu Käufen an der Börse genutzt. Besonders während des Börsenabsturzes ab August übertrafen die Aktienkäufe der Privatinvestoren die Verkäufe sehr deutlich. In der Eurokrise hätten die Privatanleger antizyklisch und alles andere als ängstlich reagiert, folgert die DWP-Bank. „Privatanleger haben in der Eurokrise so gehandelt, wie es den institutionellen Investoren häufig unterstellt wird, gegen den Trend. Das zeigen die Daten für Schwäche- und Erholungsphasen gleichermaßen“, heißt es weiter. Während der kurzen Japankrise im März 2011 mit Erdbeben, Tsunami und Atomunfall im Kernkraftwerk Fukushima hingegen hätten die Privatanleger dem allgemeinen Börsentrend gefolgt und waren überwiegend auf der Verkäuferseite.

Die Lehren aus der Causa Schlecker

Tue, 01/24/2012 - 15:40

von Gisela Baur (finanzjournalisten.de)

"Unser Kapital sind die Mitarbeiter" - so oder so ähnlich klingen die mal mehr und mal weniger echten Sprüche in vielen Unternehmen. Im Falle der Drogeriekette Schlecker gab es so etwas nicht zu hören. Denn es war allgemein bekannt: Das Unternehmen baute seinen Erfolg darauf auf, möglichst wenig abzugeben, zu teilen oder zu kooperieren: Weder mit seinen Mitarbeitern, noch mit seinen Lieferanten oder Vermietern. Das ist jetzt gescheitert - zu Recht.

Für die Mitarbeiter, die von der Geschäftsführung bezeichnenderweise per Fax benachrichtigt wurden, ist die Insolvenz der Kette sicher eine dramatische Nachricht. Und sie haben es nicht verdient. Doch für unser Wirtschaftssystem ist das Scheitern des "Management nach Schleckerart" eine eher beruhigende Sache.

Zumindest in verbrauchernahen Bereichen ist es offensichtlich tödlich, rein auf den Preis und gar nicht auf die "weichen" Faktoren zu setzen. Denn die sind vielleicht schwer zu beziffern, aber kein Unternehmen kann ohne die Motivation der Mitarbeiter und ein Mindestmaß an ethischem Verhalten arbeiten. Denn nur sie können das Gefühl vermitteln, dass hier faire und gute Geschäfte gemacht werden, können Kompetenz ausstrahlen.

Deutschland ist ein reiches Land. Wir können es uns leisten, mit dem Fall Schlecker eines ganz klar zu machen: Als Kunden wollen wir keinen Manchesterkapitalismus. Und auch als Anleger sollten wir das beherzigen und Investments suchen, die ethische Ansprüche einhalten. Denn es gilt offensichtlich tatsächlich: Die Mitarbeiter sind das Kapital jedes Unternehmens - und die sind nur gut, wenn sie gut behandelt werden. Und damit sind die "weichen" Faktoren ganz wesentlich für Erfolg oder Misserfolg eines Wirtschaftsunternehmens  – und einer Geldanlage. 

Zinsgewinnler Deutschland

Tue, 01/17/2012 - 12:53

von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Vater Staat hat 2011 so wenig Zinsen bezahlt wie seit 1993 nicht mehr. Obwohl der Schuldenberg seither mehr als doppelt so hoch geworden ist. Aber nicht nur Bund, Länder und Kommunen profitieren massiv von den Tiefstzinsen und der Flucht der Anleger nach Deutschland. Auch die Zinslast der deutschen Unternehmen und der Privathaushalte hat sich rapide ermäßigt.

Nach Berechnungen der Bundesbank mussten deutsche Firmen 2010 nur noch rund fünf Prozent ihres Betriebsüberschusses für Zinsen aufwenden,­ so wenig wie noch nie. Zu Beginn des Jahrtausends waren es mit etwa 14 Prozent fast dreimal so viel und 1993 mit 20 Prozent sogar das Vierfache.

Diese gewaltige Kostenentlastung hat zwei Ursachen: Zum einen natürlich die nun schon eine gefühlte Ewigkeit anhaltende Niedrigzinsphase, die zu immer besseren Kreditkonditionen geführt hat, zum anderen aber auch die rückläufige Verschuldung. Der Verschuldungsgrad ist in den letzten zehn Jahren stetig gefallen, da die Unternehmen ihr Eigenkapital enorm aufgestockt haben. Die Eigenmittelquote beträgt jetzt 28 Prozent der Bilanzsumme, zehn Jahre zuvor waren es nur gut 18 Prozent.

Das alles zeigt, wie fit die deutschen Unternehmen geworden sind, und dass die Eurokrise für sie bisher gar nicht so schlecht war, nicht nur, weil der Mager-Euro die Exportchancen vergrößert. Hohes Eigenkapital plus niedrige Zinsbelastung verbessern zusätzlich die Konkurrenzfähigkeit, vor allem gegenüber Unternehmen aus den Problemstaaten der EU, die nicht so ausgeprägt die Früchte der Minizinspolitik der EZB ernten können. Mehr Eigenkapital und niedrige Zinskosten ihrer Kunden helfen aber auch den Banken. Denn das verringert das Risiko von Kreditausfällen schwacher Unternehmen,­ eine Gefahr, die in anderen EU-Staaten sogar deutlich zugenommen hat. Angesichts ihrer sonstigen Riesenprobleme könnten die deutschen Geldhäuser nicht auch noch eine Flut von Kreditausfällen brauchen. Zumindest in diesem Punkt stehen sie also recht stabil da.

Und noch etwas kommt hinzu: Die andere große Kundengruppe der Banken, die privaten Haushalte, hat ihre Zinsbelastung gemessen am verfügbaren Einkommen in den vergangenen zehn Jahren von knapp sechs auf gut drei Prozent nahezu halbiert. Sie ist ebenfalls ihren Kreditrückzahlungen besser nachgekommen als in den Jahrzehnten zuvor. Der Privatsektor insgesamt hat also genau das erreicht, was die Problemstaaten der Eurozone nicht geschafft haben: Die Verschuldung abzubauen und damit von den Tiefstzinsen in vollem Ausmaß zu profitieren.

Dass Deutschlands Kreditnehmer die "Zinsgewinnler" in Europa sind, hat sicherlich ein Stück zum starken Konjunkturaufschwung mit beigetragen­ und wird jetzt wohl verhindern, dass der Abschwung allzu kräftig ausfällt. Und das wiederum ist eine gute Botschaft für deutsche Aktien.

Warum ist eine Finanztransaktionssteuer so umstritten?

Fri, 01/13/2012 - 11:42

von Gisela Baur (finanzjournalisten.de)

Nicolas Sarkozy will sie, Angela Merkel auch. Doch die Transaktionssteuer, die der französische Präsident und die Bundeskanzlerin nun zumindest für alle Euro-Staaten einführen wollen, ist heftig umstritten. In Deutschland will der Regierungspartner FDP nur zustimmen, wenn auch die anderen EU-Länder wie Großbritannien mitmachen. Und von dort kommt ein klares "Nein". Warum ist diese Steuer, die jede Wertpapiertransaktion mit 0,01 bis 0,1 Prozent belasten soll, so ein Streitpunkt?

Zunächst einmal ist klar: Sie ist ein echter Systembruch. Denn eine Umsatz- oder Mehrwertsteuer ist als Besteuerung des privaten Verbrauchs gedacht. Alle Vorleistungen, Investitionen und Ausgaben, die die Wirtschaft tätigt, sind davon ausgenommen mit dem Vorsteuerabzugsverfahren. Und das ist sinnvoll: Denn wirtschaftliche Aktivitäten sind nun mal besser für eine Volkswirtschaft als Konsum.

Nun kann aber keiner behaupten, dass der Kauf einer Aktie systematisch mit dem Kauf eines neuen Fernsehers gleichgesetzt werden sollte. Dennoch gibt es gewichtige Gründe für die Steuer: Sie soll die gigantischen Spekulationsgeschäfte verteuern und verlangsamen, weil diese nicht immer sinnvoll für die Volkswirtschaften sind. Und nicht zuletzt soll sie die Finanzakteure am Abbau der Schuldenlast beteiligen. Alleine 60 Milliarden Euro Einnahmen erhoffen sich Fachleute in Deutschland aus dieser Steuer.

Die Argumente dagegen sind allerdings ebenfalls gewichtig: Gerade jetzt wäre die Steuer und der Verwaltungsaufwand dafür eine zusätzliche Belastung für das angeschlagene Bankenwesen in Europa. Und solange nicht alle mitmachen, wird der Effekt kleiner sein als erhofft. Dass gerade Großbritannien seine Meinung ändert, ist allerdings höcht unwahrscheinlich. Immerhin hängt die Wirtschaft dort in hohem Maße von der Finanzbranche in London ab ­ und damit von möglichst umfangreichen Spekulationsgeschäften.

Sorge ums Finanzsystem

Tue, 12/20/2011 - 17:56


von Antonie Klotz (finanzjournalisten.de)

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht die Stabilität des Finanzsystems in Gefahr. Die Lage ist ernst, die Banken vertrauen sich untereinander kaum noch, weshalb die EZB verstärkt Liquidität zur Verfügung stellt.

Die Krise habe systemische Ausmaße erreicht, wie sie seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers nicht mehr beobachtet wurden, hieß es bei der EZB in der Erklärung zu dem halbjährlich erscheinenden Finanzstabilitätsreport. Gründe sind aber nicht nur die offiziell genannten. Hauptursachen seien die Staatsschuldenkrise und verschlechternde Konjunkturaussichten. "Die Risiken für die Finanzstabilität der Euro-Zone haben in der zweiten Jahreshälfte 2011 beträchtlich zugenommen", so die EZB.

Ein weiterer Grund dürfte die Entscheidung der G-20-Staaten für höhere Eigenkapitalanforderungen von systemrelevanten Banken sein. Ziel der Maßnahme ist klar: Das Vertrauen in die Finanzwirtschaft zu stärken. Doch der Schuß scheint nach hinten loszugehen. Wie hinter den Kulissen zu hören ist, werden die Banken in der Kreditvergabe zunehmend restriktiver, weil die Eigenkapitalanforderungen steigen. Zum Teil wollen Kreditinstitute ihre Eigenmittel deshalb nicht mehr unbedingt an die Industrie oder private Kreditnehmer verleihen, weil das den Kapitalbedarf weiter vergrößert. Viel eher erwägen die Geldhäuser, die Eigenmittel anderweitig zu investieren oder gar durch den Abbau von Geschäften die Kapitalbasis zu stärken. Und das ist nicht gut für die maue Konjunktur.






Fällt die Verzinsung der Lebensversicherungen noch weiter?

Fri, 12/16/2011 - 17:45


von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Fast täglich rauschen die Meldungen über die künftige laufende Verzinsung von Lebensversicherungen herein - und die Aussage ist überall gleich: Die Kunden bekommen 2012 weniger gutgeschrieben als 2011. Setzt
sich dieser nun schon seit langem anhaltende Trend weiter fort?

2012 bringt für das liebste Altersvorsorgeprodukt der Deutschen eine Zäsur: Erstmals sinkt der Durchschnitt der Verzinsung unter die Vier-Prozent-Marke. Das lässt sich jetzt, nachdem die Mehrzahl der Branchengrößen ihre Statements gemacht haben, mit Sicherheit sagen. Der Wert wird sich wohl bei 3,8 bis 3,9 Prozent einpendeln. Zum Vergleich: 2011 waren es 4,1 Prozent, bis 2001 noch über sieben Prozent. Der Rutsch unter vier Prozent ist deshalb so bedeutsam, weil das unterhalb der Garantieverzinsung liegt, die Kunden bekommen, wenn sie in den Jahren vor 2000 einen neuen Vertrag abgeschlossen haben. Damit werden die Kunden bei vielen Gesellschaften erstmals ungleich behandelt - die "alten" erhalten 4,0 Prozent, die "neuen" mit Garantiezinsen zwischen 3,25 (die ab 2000 galten) bis 2,25 Prozent (die einschließlich 2011 gelten) dagegen weniger. Man spricht deshalb von Zweiklassengesellschaft.

3,8 bis 3,9 Prozent - das hört sich ja in dieser Zeit der ultratiefen Zinsen noch ganz gut an - aber leider gibt es diesen Satz nur auf den reinen Sparanteil - und der liegt bei 75 bis 80 Prozent der gesamten Prämienzahlungen der Kunden. Gemessen an der Gesamtzahlung erhalten die Kunden also jetzt im Schnitt etwa drei Prozent gutgeschrieben - das ist für einen so langfristigen Vertrag nicht gerade die Welt. Und wie es aussieht, wird es noch weiter bergab gehen mit den Renditen.

Da die Versicherer im Schnitt mehr als 80 Prozent der Gelder in Zinspapieren anlegen, trifft sie die anhaltende Niedrigzinsphase Jahr für Jahr härter. Bisher haben früher gekaufte Anleihen mit Renditen von fünf bis sechs Prozent für zehnjährige Bundesanleihen, die es Anfang des Jahrtausends noch gab, die Verzinsung aufgepäppelt. Aber diese Bonds laufen nach und nach aus und müssen durch Anleihen mit gerade noch zwei Prozent für zehnjährige Bundesanleihen ersetzt werden - oder eben durch risikoreichere Papiere wie Unternehmensanleihen, Bonds anderer Staaten oder Aktien. Da die Niedrigzinsphase vermutlich noch länger anhalten wird, schmilzt deshalb die Rendite für die Versicherer voraussichtlich noch jahrelang weiter wie Schnee in der Sonne.

Bankenrettungsfonds II

Fri, 12/09/2011 - 14:41

von Gisela Baur (finanzjournalisten.com)

Schon vor Veröffentlichung des jüngsten Bankenstresstests der Europäischen Bankenaufsicht sickerte immer klarer durch: Einige der Europäischen Geldinstitute werden in der Untersuchung nicht gut abschneiden - und benötigen frisches Kapital. Da private Geldgeber kaum Vertrauen in die Branche aufbringen, sollen einmal mehr die Staaten neues Geld bereitstellen. In Deutschland wird seither eine Reaktivierung des SoFFin vorbereitet.

Der Fonds vergab zwischen 2008 und 2010 Milliarden Kapital an klamme Banken. Nach der Lehman-Pleite reagierte die Bundesregierung mit erstaunlicher Geschwindigkeit: Am 17. Oktober 2008 wurde das Finanzmarktstabilisierungsgesetz in nur einem Tag von Bundestag und Bundesrat verabschiedet und vom Bundespräsidenten unterzeichnet. Ein Herzstück des Gesetzes war die Schaffung des SoFFins, besser bekannt als Bankenrettungsfonds. Er wurde als Sondervermögen des Bundes mit Milliarden ausgestattet um klammen Geldinstituten unter die Arme zu greifen. Seit Anfang diesen Jahres war das aber nicht mehr nötig: Seither ist er damit beschäftigt, die alten Kredite abzuwickeln und sollte eigentlich spätestens 2015 aufgelöst werden.

Für die Kürze der Zeit, in der der SoFFin geschaffen wurde, hat er erstaunlich gute Arbeit geleistet. Und allmählich wird klar: Er könnte wieder gebraucht und reaktiviert werden. Allerdings will Finanzminister Wolfgang Schäuble diesmal andere Spielregeln einführen. So soll es zum Beispiel eine zwangsweise Versorgung mit Eigenkapital geben - in der ersten Finanzkrise vergab der SoFFin nur dann Gelder, wenn ein Institut um Hilfe gebeten hatte. Der Fonds kann sein Kapital gegen Aktien oder als stille Einlage vergeben.

Eines wird beim "SoFFin Reloaded" aber vermutlich doch wieder gleich sein: Auch seine Wiedergeburt soll sich in erstaunlicher Geschwindigkeit vollziehen. Schon nächste Woche, so verlautet es aus informierten Kreisen, könnte die Reaktivierung beschlossen werden.

Peitsche für den EU-Gipfel

Wed, 12/07/2011 - 10:45

von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Die angedrohte Rating-Herabstufung Deutschlands und 16 anderer EU-Staaten durch Standard & Poor´s (S&P) sei zum völlig falschen Zeitpunkt erfolgt - sagen Kritiker der amerikanischen Bonitätswächter. Manche vermuten gar eine Verschwörung gegen die Eurozone. Auf der ersten Blick kann man es so sehen, aber auf den zweiten schaut die Sache etwas differenzierter aus.

Natürlich ist es ein Schlag ins Kontor speziell von "Merkozy", wenn S&P wenige Stunden nach ihren Vorschlägen für eine Reform der EU-Verträge allen Eurozonen-Ländern mit Ausnahme Griechenlands und Zyperns schlechtere Noten androht. Man könnte leicht daraus schließen, der amerikanische Elefant sei mal wieder durch den europäischen Porzellanladen getrampelt und habe ausgerechnet unmittelbar vor dem schwierigen Euro-Gipfel Ende dieser Woche einen Scherbenhaufen hinterlassen, der die Verhandlungen noch komplizierter gestalten werde. Diese Vermutung wird zusätzlich dadurch genährt, dass auch die EZB ihr Fett weg bekommt und die Ratingagentur darauf verweist, dass die Notenbank eine Teilschuld an möglichen Herabstufungen trage. Das zeigt ganz klar, dass S&P alles mit amerikanischer Brille sieht und die Taten der EZB an denen der Fed misst, die eine ganz andere Aufgabenbeschreibung hat.

Insoweit ist die Kritik der Rater schon befremdlich. Auf der anderen Seite aber wissen wir aus leidvoller Erfahrung, dass EU-Gipfel in aller Regel viel geringere und vor allem langfristig weniger tragfähige Ergebnisse gebracht haben, als vorher von ihnen erwartet worden war. Der Effekt war jedesmal der gleiche: Die Kurse an den Finanzmärkten sind anschließend abgetaucht, und das hat die Politiker kurz darauf zu neuen, weiterführenden Plänen gezwungen. Insofern ist es vielleicht ganz gut, wenn S&P nun kurz vor dem Gipfel einen unüberhörbaren Warnschuss abgegeben hat. Der bringt die Politiker unter Zug- und Einigkeitszwang und könnte im besten Fall dazu führen, dass unter dem Druck der Bonitätswächter und der Finanzmarktentwicklung diesmal wirklich nachhaltige Entscheidungen getroffen werden. Schau´n mer mal, ob die EU besser funktioniert, wenn ihr vor einem Gipfel die Peitsche der Rater-Drohungen gezeigt wird.

Das wacklige AAA

Tue, 12/06/2011 - 18:05

von David Mühlfeld (blank">biallo.de)

Gestern Abend schreckte Europa auf: Jetzt sind auch die mit „Triple A“ bewerteten starken Länder Europas vor die Flinte der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) geraten. Das ist die Agentur, die Frankreich schon einmal „versehentlich“ wegen eines Computerfehlers herabgestuft  – und dies nach zwei Stunden wiederrufen hatte. Natürlich völlig folgenlos für die Ratingagentur, denn eine Schadensersatzpflicht auch für Ratingagenturen – die es im Grundsatz im nationalen Recht gibt -, hat noch niemand durchgesetzt.

Und seit gestern gilt nun: Deutschland und 14 weitere Euro-Staaten droht offenbar der Verlust des einen oder anderen „A“. Binnen 90 Tagen, so wurde kolportiert, könne eine Herabstufung erfolgen. „Merkozy“ haben besonders unaufgeregt reagiert – man habe dies zur Kenntnis genommen. Und dennoch herrschte helle Aufregung an den Finanzmärkten.

Beobachter stellen fest, dass der Hype um die Ratingagenturen immer bizarrere Züge annimmt: Es erheben sich seit langem privatwirtschaftliche Unternehmen – egal ob S&P, Moody oder Fitch - mit Sitz in den USA, um die Finanzkraft und -solidität ganzer Staaten zu bewerten. Und: Es sind genau die Unternehmen, die mit ihren damals falschen Ratings für die Subprime-Krise mitverantwortlich sind. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, Professor in Würzburg, hat daher letztes Jahr gegenüber ddp gesagt, die drei Ratingagenturen hätten "bisher in jeder Krise massiv versagt". Auch das ist für sie völlig folgenlos geblieben.

Kurios auch, dass man über diese Vergangenheit der „Großen Drei“ selbst in Wikipedia nichts findet. Beim Eintrag für Fitch Ratings ist indes ein Vermerk eingestellt, dass der Artikel Mängel aufweise. Nur der Eintrag von Standard & Poors enthält den Unterabschnitt „Kritik“, in dem sehr kurz auf die Kritik an den Rechenmethoden der Agentur verwiesen wird.

Und so rächt sich das Politikversagen seit 2008 doppelt: die Schulden in Euroland nicht in den Griff bekommen und den Agenturen keine wirksamen Regeln auferlegt zu haben. Deutschland leistet sich trotz Steuereinnahmen in Rekordhöhe eine beträchtliche Neuverschuldung, das rächt sich jetzt. Und dennoch: Frau Merkel dürfte sich im aktuellen Fall indes freuen, erhöht er doch die Disziplin der finanziell unsicheren Kantonisten in Europa.

Nachbarn oder Eheleute?

Wed, 11/30/2011 - 14:48

von Sabina Fischer (biallo.de)


Selten in meinem Leben habe ich so viele gut gekleidete Damen und Herren am Boden gesehen. Zum Bersten voll war es in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am vergangenen Freitag, als sich die Wirtschaftsweisen Peter Bofinger und Wolfgang Wiegard sowie ifo-Instituts-Leiter und Medien-Liebling Hans-Werner Sinn zur Podiumsdiskussion trafen. Wer noch einen Sitzplatz auf dem Fußboden bekam, konnte sich glücklich schätzen. „Rettungsschirme, Notpakete, Finanzspritzen – welche Zunkunft hat der Euro?“ – hierüber galt es zu orakeln.

Während sich Wiegard zunächst bedeckt hielt und vor allem eine kleine Geschichte der Staatsschulden am Beispiel Deutschlands feilbot, verdeutlichten Sinn und Bofinger ihre gegensätzlichen Vorstellungen zur Eurorettung anhand von Beziehungskonstellationen. Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg, verglich die Währungsunion mit einer Ehe, für die es zu kämpfen gelte. Er warnte vor der Spirale steigender Zinsen für Staatsanleihen und sieht die Europäische Zentralbank in der Pflicht. Anleihenkäufe und Eurobonds seien erforderlich. Anderenfalls sei nicht wie 2008 ein Bank- sondern ein Bondsrun zu befürchten. Hans-Werner Sinn, Professor an der LMU München, wehrt sich gegen eine Finanzierung von Staaten über die Druckerpresse, wie er sagt. Es handele sich aktuell zwar auch um eine Vertrauens- aber vor allem um eine Strukturkrise. Durch Transfers dürften Länder nicht dauerhaft auf einem Niveau gehalten werden, das nicht stimme. Eine Abwertung sei für manche Länder deshalb erforderlich. Nachbarn helfe man zwar, aber ansonsten müssten sie alleine zurechtkommen.

Wiegard sortierte die Diskussion, indem er zwischen einer kurzfristigen und einer langfristigen Problemlösung zu differenzieren ersuchte. Langfristig gelte es zu überlegen, welche Architektur man für die Währungsunion wünsche. Er favorisierte dabei weiterhin eine eigene Finanzpolitik der Mitglieder jedoch bei einem verschärften Stabilisierungs- und Wachstumspakt, der es auch ermöglichen müsse, dass notfalls ein Land aus der Union befördert würde.

Einig schienen sich die Professoren zu sein, dass der Euro wertvoll und erhaltenswert sei. Was der Abend für mich aber vor allem gezeigt hat, war, dass selbst die personifizierte Wirtschaftsweisheit bei allem Fachwissen den aktuellen Entwicklungen auch mit einer Portion Ratlosigkeit gegenübersteht - gerade bei der kurzfristigen Problemlösung. Sicher vorhersehbar ist die weitere Entwicklung schließlich niemals, egal bei welcher Intervention. Ehe, Nachbarschaft oder Währungsunion - steckt eine solche Beziehung erst einmal in einer Krise, bedarf es großer Anstrengungen und viel Fingerspitzengefühl, um wieder herauszukommen. Und ob der eingeschlagene Weg der richtige ist, weiß man zumeist erst später.

Euro-Böndchen sind keine Lösung

Mon, 11/28/2011 - 15:14

von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Keine Frage: Angela Merkel steht unter Druck. Die angeschlagenen Euro-Länder wollen gerne gemeinsame Anleihen mit den starken Staaten um so an frisches Geld für günstige Konditionen zu kommen. Doch Deutschland wehrt sich gegen diese "Eurobonds". Angeblich hat die Bundesregierung nun ein neues Konzept entwickelt. "Eltitebonds" - gemeinsame Anleihen der stärksten Länder der Eurozone. Die Gegner schäumen, dass dieser Schritt die Eurozone endgültig spalten würden, das Finanzministerium dementiert halbherzig.

Dort hieß es, man habe auf dem jüngsten Treffen mit einigen europäischen Finanzministern nicht über diesen Plan gesprochen. Ein deutliches Nein klingt allerdings anders. Dennoch scheint klar: Bislang ist die Regierung Merkel nicht bereit, in der Frage der Eurobonds "einzuknicken" wie viele Beobachter und Politiker es erwarten. Und recht hat sie.

Erinnern Sie sich: Vor Einführung des Euro gäbe es zwei Theorien für den richtigen Zeitpunkt. Die Integrationstheorie sprach davon, dass eine gemeinsame Währung und Geldpolitik die Wirtschafts- und Fiskalpolitik der beteiligten Länder schon angleichen lassen würde. Die Krönungstheorie sprach sich davon aus, den Euro erst dann einzuführen, wenn diese Angleichung schon weitgehend erfolgt sei.

Wer recht hatte, weiß man heute. Beide Theorien gelten nun auch für die Eurobonds - auch sie sollten als Krönung erfolgreicher Integration ausgegeben werden. Die "Euroböndchen" wären aber auch keine Lösung. Denn die stärksten Staaten Europas haben keine Probleme, an frisches Geld zu kommen. Deutschland würde lediglich ein bisschen mehr Zinsen zu ihren Gunsten zahlen.

Faxspam - Ärgerlicher Aktienmüll

Thu, 11/17/2011 - 10:28

von Brigitte Watermann (biallo.de)

Man muss schon ziemlich naiv sein, wenn man auf diese Masche hereinfällt. Aber offenbar tun es doch noch viele Leute, denn sonst müsste die Finanzaufsicht Bafin nicht immer wieder davor warnen, dass zweifelhafte Aktien per unerwünschtem Faxspam gepusht werden.

Aktuell warnt die Behörde davor, dass Aktien der BAS Logistics Plc. (ISIN: GB00B3NJDQ12) mittels Spam-Faxen massiv zum Kauf empfohlen werden. Die Kaufempfehlung erfolgt dabei unter Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende "Kursexplosion", da die Logistik-Branche einen Boom wie noch nie erlebe. Von "Mega-Gewinn-Chance" ", "Strong Buy" und  "200 Prozent Gewinn-Potential" ist in dem Fax des angeblichen "Swiss Money Report" zu lesen.

Die BaFin jedenfalls hat Anhaltspunkte dafür, dass im Rahmen der Kaufempfehlungen unrichtige oder irreführende Angaben gemacht werden und bestehende Interessenskonflikte pflichtwidrig verschwiegen werden. Sie hat hinsichtlich des betroffenen Wertes eine Untersuchung wegen des Verdachts der Marktmanipulation eingeleitet.

Wer das Werbefax genau liest, der findet ganz unten den "Hinweis auf den bestehenden Interessenkonflikt: Hiermit weisen wir bei dieser Kaufempfehlung darauf hin, dass es es einen Interessenkonflikt gibt und dass wir die empfohlene Aktie auch besitzen und derzeit kaufen bzw. verkaufen werden." Das riecht aber ziemlich nach altbekannten Abzockmethoden wie Scalping.

Die Finanzaufsicht jedenfalls rät allen Anlegern, vor Erwerb von Aktien dieser Gesellschaft sehr genau zu prüfen, wie seriös die gemachten Angaben sind, und sich über die betroffenen Gesellschaften auch aus anderen Quellen zu informieren. Ebenso sollten Anleger darauf achten, die BAS Logistics Plc. nicht mit anderen Unternehmen gleichen oder ähnlichen Namens zu verwechseln.

Übrigens, wer in Ausübung seines Berufs Finanzanalysen veröffentlicht und weiterleitet, hat diese Tätigkeit der Bafin anzuzeigen; Journalisten sind aber zum Beispiel davon ausgenommen. Inzwischen veröffentlicht die Behörde auf ihrer Website die Namen der Unternehmen, die dieser Pflicht nicht nachkommen und die von der Bafin zuvor nicht erreicht werden konnten, um Auskunft über ihre Tätigkeit zu erlangen  - darunter findet sich auch der "Swiss Money Report".

Die Stunde der Ökonomen

Mon, 11/14/2011 - 14:44

von Gisela Baur (finanzjournalisten.de)

Erst Griechenland, dann Italien. Die Finanzkrise zwingt die Länder zu dem, was die politische Gemeinschaft der Eurozone nie geschafft hat: Wirtschaftlich kompetentes Regieren durchzusetzen. Mit dem Ex-EU-Kommissar Mario Monti übernimmt ein Mann den Posten des Ministerpräsidenten Italiens, dem eine Menge Wissen in Sachen wirtschaftliches Krisenmanagement zugetraut wird. Auch Ex-EZB-Vizepräsident Loukas Papademos, der die neue griechische Regierung leiten wird, ist ein ausgewiesener Fachmann. Das ist gut für den Euro und die Gemeinschaft.

Denn ein Weiter-So wie es die Vorgängerregierungen unter Silvio Berlusconi und Giorgos Papandreou lange praktiziert haben, funktioniert nicht. Nicht für die betroffenen Länder und auch nicht für die Euro-Gemeinschaft. Und der Wechsel mag spät kommen, vermutlich aber nicht zu spät. Die anderen Euro-Staaten werden einen Neuanfang unterstützen und viel Geld und Energie in jeden ernsthaften Versuch investieren, die Volkwirtschaften Italiens und Griechenlands wieder auf Kurs zu bringen. Gut möglich also, dass wir derzeit den Anfang des Happy Ends eines Thrillers namens Euro-Krise beobachten.

Kritiker mögen beklagen, dass die Finanzmärkte nun sogar Regierungen stürzen. Oder auch, dass das Diktat der Wirtschaft das politische Geschehen nun endgültig dominiert. Und im Prinzip bin auch ich der Meinung, dass Völker und nicht Finanzmärkte Regierungen einsetzen und stürzen sollten. Doch es gilt auch: Wer die Wirtschaft seines Landes ruiniert, schadet allen. Ich zumindest weine den alten Regierungen Griechenland uns Italiens keine Tränen nach

Alle Mütter künftiger Krisen müssen an die Kandare

Mon, 11/07/2011 - 12:09

von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Bis zum Jahr 2016 müssen wir noch warten, aber dann wird es nie wieder eine Bankenkrise geben. Versprochen. Denn bis dahin müssen die 29 systemrelevanten Banken so reichlich mit Kapital ausgestattet sein, dass ihre Pleite die Finanzmärkte nicht mehr in den Abgrund ziehen würde. Mit diesem Beschluss hat der G20-Gipfel die Krisenanfälligkeit dieser unserer Welt aber nur zum Teil beseitigt. Jetzt müssen auch noch die systemrelevanten Nationen, sozusagen die Mütter aller künftigen Krisen, an die Leine.

Dummerweise haben die Politiker daran aber noch nicht gedacht - auch wenn die Überwachung von Italiens Haushalt durch EWU und IWF als erster zaghafter Schritt gewertet werden kann. Aber der reicht natürlich bei weitem nicht aus. Da müssen schon zusätzlich ähnlich klare Schuldenregeln her, die weltweit gelten, wie bei den Banken. Nur müsste man den Staaten etwas mehr Zeit geben, sie zu erfüllen, sagen wir bis 2018. Oder seien wir großzügig - sogar bis 2020. Denn die Probleme der Länder sind noch viel, viel größer als die der Finanzinstitute - und ihre Konkurse würden die Welt noch viel stärker ins Chaos stürzen als Bankpleiten.

Deshalb also frisch ans Werk liebe Politiker! Die Herkulesaufgabe der Regulierung systemrelevanter Staaten verlangt nämlich noch viel mehr Heldenmut als die Zähmung der sogenannten SIFIs, der systemically important financial institutions. Denn da reichen 29 Auserwählte leider nicht. Wenn schon der Winzling Griechenland, nach IWF-Berechnungen 2010 nur die 32größte Volkswirtschaft der Erde, zu einem endlosen Drama wird und nur unter Aufbietung aller denkbaren Hilfen vielleicht irgendwann einmal gerettet werden kann, dann sind die Gefahren, die von den Nummern 1 bis 31 ausgehen, selbstredend ungleich größer - und sicherheitshalber sollten man auch noch die Ranglistenplätze 33 bis 50 an die Kandare nehmen. Da fallen beispielsweise Portugal und Irland darunter.

Natürlich müssten die Vorgaben - wie bei den Banken - mit dem Gefährdungsgrad zunehmen. Die großen Vier, also die USA, China, Japan und Deutschland, sollten dann nicht mehr als zehn Prozent Schuldenquote aufweisen dürfen, die nächsten zehn höchstens 25 Prozent, die weiteren zehn 35 Prozent und so weiter. Selbst die Kleinlinge unter den 50 systemrelevanten Staaten, nennen wir sie SINs (für systemically important nations), sollten maximal die ursprüngliche Euroland-Schuldengrenze erreichen dürfen, also 60 Prozent.

Meine Hoffnungen, dass die Politiker meinen Vorschlag aufgreifen werden, sind aber leider äußerst gering. Dazu müssten sie schon gezwungen werden, beispielsweise wenn die Occupy Wall Street Bewegung ihre Schlagrichtung ändern und sie zur Occupy Government umfunktionieren würde. Oder wenn die Anleger einfach keine Staatsanleihen mehr kaufen, solange mein Vorschlag nicht zur Regel gemacht wird.

Verstecken die Versicherer das Geld jetzt unter der Matratze?

Mon, 10/24/2011 - 16:15

von Hans G. Linder (finanzjournalisten.de)

Müssen die Versicherungen das Geld ihrer Kunden bald unter der Matratze anlegen, weil ihnen sonst keine Möglichkeit mehr bleibt? Angesichts der Sorge der Finanzaufsicht Bafin vor einer Krisen-Ansteckung der Assekuranz durch das hohe Gewicht ihrer Bankanlagen ist das eine fast schon logische Schlussfolgerung.

Bis zum 7. November sollen die großen Versicherer alle Kapitalanlagen bei Banken melden - ein Zeichen dafür, dass die Bafin diese Investments keineswegs mehr als absolut sicher ansieht. Immerhin haben die Lebensversicherungen, um die es vor allem geht, 55 bis 60 Prozent aller Kundengelder in Bankpapieren unterschiedlicher Ausprägung angelegt. Vor allem Beteiligungen an Banken sind der Aufsicht offensichtlich ein Dorn im Auge - sie müssen nach der Solvency II-Richtlinie ohnehin mit nicht weniger als 100 Prozent Eigenkapital unterlegt werden. Für Staatsanleihen dagegen gilt das Prinzip, dass dafür 0,0 Prozent Eigenmittel eingesetzt werden müssen. Auch wenn es spanische oder italienische sind.

Trotzdem will die Bafin jetzt von den Versicherern auch noch wissen, wie viele deutsche und ausländische Staatsanleihen sie besitzen. Auch hier also die große Angst, dass der hohe Anteil an Südeuropa-Bonds der Assekuranz erhebliche Probleme bereiten könnte. Die beiden Anlagegruppen Bankpapiere und Staatsanleihen machen aber immerhin gut 80 Prozent aller Kapitalanlagen der Versicherer aus, mit denen die Leistungen für die Kunden verdient werden. Hinzu kommen noch Immobilien, die in den letzten Jahren auch nicht gerade geglänzt haben, Alternative Investments wie Hedgefonds, die alles andere als sicher sind und schließlich auch noch mickrige drei Prozent Aktien, die mit so viel Eigenkapital unterlegt werden müssen, dass sie für Versicherungen fast schon uninteressant sind.

Zählen wir also zusammen, welche Investments bei der Bafin noch als sicher gelten, bleibt eigentlich nichts mehr übrig. Um allen Risiken aus dem Weg zu gehen, wäre also die gute alte Matratze tatsächlich die beste Lösung für die Versicherer. Wenn nur nicht die Inflation das darunter versteckte Geld immer mehr anknabbern würde.